Illustration einer großen Gruppe von Personen in Schwarz-Weiß
Diskriminierung in der Arbeitswelt

Gleiche Chancen für alle?

Interview mit Mohamed Kouras

Menschen in Deutschland erleben im Alltag immer wieder Diskriminierung – auch am Arbeitsplatz. Mohamed Kouras hilft ihnen dabei, ihre Rechte zu kennen und Lösungen zu finden. Seine Arbeit zeigt: Beratung kann Türen öffnen und neue Chancen möglich machen.

Wer Diskriminierung erlebt, fühlt sich oft allein und unsicher. Viele wissen nicht, welche Rechte sie haben oder was sie tun können. In solchen Situationen hilft Mohamed Kouras. Er ist zertifizierter Antidiskriminierungsberater und arbeitet bei der Beratungsstelle für Antidiskriminierungsarbeit Nordrhein-Westfalen (ADA NRW) im Deutschen Roten Kreuz in Münster. Dort unterstützt der 43-Jährige Menschen, die Benachteiligung erlebt haben.

Zuhören und aufklären
Ein Beispiel aus seiner Arbeit zeigt, wie wichtig diese Hilfe ist. Eine Frau wandte sich an die Beratungsstelle, weil sie Probleme an ihrem Arbeitsplatz hatte. Wegen ihrer Herkunft machte ein Kollege immer wieder abwertende Bemerkungen. Die Situation wurde für sie immer schwieriger. In der Beratung nahm Mohamed Kouras ihre Erfahrungen ernst. Zusammen dokumentierten sie die Vorfälle genau. Außerdem erklärte er ihr ihre Rechte nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das Gesetz schützt Menschen davor, am Arbeitsplatz diskriminiert zu werden.

Den Arbeitgeber kontaktieren
Danach kontaktierte Mohamed Kouras den Arbeitgeber. Er machte deutlich, dass Unternehmen ihre Beschäftigten vor Diskriminierung schützen müssen. Gleichzeitig bereitete er Gespräche zwischen der Mitarbeiterin und ihrer Führungskraft vor. Ziel war es, ihre Stellung im Betrieb zu stärken. Trotz aller Bemühungen verbesserte sich die Situation langfristig nicht genug. Eine Klage wäre schwierig gewesen, weil es zu wenige Beweise gab. Deshalb entschied sich die Mitarbeiterin gemeinsam mit Herrn Kouras für einen Aufhebungsvertrag. Dank seiner Unterstützung erhielt sie ein gutes Arbeitszeugnis. Kurz darauf fand sie eine neue Stelle.

Unterschiedliche Konflikte
Dieser Fall zeigt, wie unterschiedlich Konflikte verlaufen können. Manchmal kommt es zu einer Trennung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. In anderen Fällen lassen sich Probleme durch Gespräche lösen oder Arbeitsbedingungen verbessern. Für Mohamed Kouras ist immer wichtig, dass die betroffene Person eine Lösung findet, die zu ihr passt. Seine Arbeit ist deshalb mehr als nur Beratung. Sie hilft Menschen, ihre Rechte zu kennen – und manchmal auch, einen neuen Anfang zu wagen.

Ein Mann mit schwarzen Haaren sitzt an einem Tisch

Antidiskriminierungsberatung

Antidiskriminierungsberatungen unterstützen Menschen, die sich wegen Herkunft, Geschlecht, Religion oder Behinderung benachteiligt fühlen. Sie arbeiten nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und dem Grundgesetz. Träger sind Bund, Länder, Städte oder Vereine. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung erleben viele Menschen in Deutschland Diskriminierung – Beratungsstellen bieten daher kostenlose Hilfe in vielen Städten an.

Herr Kouras, welche Arten von Benachteiligung erleben Menschen im Berufsleben am häufigsten?

Menschen erfahren im Berufsleben sowohl offene als auch versteckte Benachteiligungen – etwa wegen ihrer Herkunft, Religion, ihres Geschlechts, Alters, einer Behinderung, ihrer sexuellen Orientierung oder sozialen Herkunft. Mit sozialer Herkunft ist gemeint, aus welcher Familie jemand stammt, wie hoch das Einkommen der Eltern ist oder welchen Bildungsabschluss sie haben. Bewerberinnen und Bewerber berichten häufig, dass sie seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Auch am Arbeitsplatz kommt es vor, dass Mitarbeitende bei Schulungen oder Beförderungen nicht gleich behandelt werden. Hinzu kommen abwertende Kommentare oder Witze. Oft treten dabei mehrere Formen der Benachteiligung gleichzeitig auf.

Woran liegt es, dass manche Menschen im Berufsleben trotz guter Qualifikation benachteiligt werden?

Entscheidungen in Unternehmen werden oft von Stereotypen, Vorurteilen oder festen Gewohnheiten beeinflusst. Manche Verantwortlichen handeln nach Routine oder persönlichen Vorlieben, ohne zu merken, welche Folgen das hat. Solange Diskriminierung für Unternehmen kaum Folgen hat, wird dieses Verhalten selten hinterfragt. Für Betroffene bedeutet das Nachteile beim Bewerben auf Stellen, bei Beförderungen oder bei Weiterbildungen.

Was können betroffene Personen tun, wenn sie merken: Ich werde unfair behandelt?

Ein Bewerber erzählte, dass er trotz guter Qualifikation keine Rückmeldung von einem Unternehmen bekommen hatte. Mit unserer Hilfe konnte er eine Beschwerde einreichen. Kurz darauf erhielt er eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Solche Fälle zeigen, dass Beratung und ein klares Vorgehen oft schnell Wirkung zeigen. Wichtig ist aber, die Frist von zwei Monaten einzuhalten, um nach einer Diskriminierung am Arbeitsplatz eine Beschwerde oder Klage beim Arbeitgeber oder vor Gericht einzureichen.
Was müsste sich in Deutschland ändern, damit alle die gleichen Chancen im Beruf haben?
Neben Gesetzen braucht es auch vorbeugende Maßnahmen. Zum Beispiel sollten Sensibilisierungsangebote zu Diskriminierung und Benachteiligung in Unternehmen, Schulen und anderen Einrichtungen verpflichtend werden. In diesem Netzwerk beraten wir nicht nur einzelne Betroffene, sondern bieten auch Schulungen für Verwaltungen und soziale Einrichtungen an. So lernen Mitarbeitende, Vorurteile zu erkennen und faire Entscheidungen zu treffen. Solche Angebote zeigen, wie wichtig es ist, Strukturen zu verändern – und nicht nur einzelne Fälle zu lösen.

Das Interview führte Daniela Todorovićová. Es ist in der Sprachlernzeitschrift vitamin de Nummer 108 erschienen.